Unser Konzept

Veröffentlicht von Admin - Juni 8, 2022

1. Einführung

Die SoulBrache ist eine seit vielen Jahren leerstehende Industriefläche am Veringkanal in Hamburg Wilhelmsburg, bekannt durch die, inzwischen durch die Stadt geschlossene, legendäre Kulturhalle Soulkitchen. Aus dem Stadtteil ist über die letzten Jahre die lebendige Initiative KulturKanal entsprungen. Sie bespielt und nutzt neben vielen anderen Initiativen, Gruppen und einzelpersonen die SoulBrache regelmäßig mit Kulturangeboten und beabsichtigt die leerstehende Fläche für die Bedürfnisse des Stadtviertels weiter zu entwickeln. In interdisziplinären Veranstaltungsformaten begegnen sich Livemusik, Kino, Theater, Lagerfeuer, Bar, Ökologie im Hafen, Bewegungsangebote im Freien und Küche für Alle. 2021 leistete die Initiative Vernetzungsarbeit in Wilhelmsburg, um im Sommer 2022 der Stadt ein Konzept vorzulegen, das die Bedürfnisse diverser Gruppen in Wilhelmsburg für eine Freifläche widerspiegelt. Bei der flächenverwaltenden Sprinkenhof GmbH wurde über das Bürgerhaus Wilhelmsburg versucht eine offizielle Nutzung in die Wege zu leiten und erste Gespräche mit Hamburger Politiker:innen wurden geführt. Anfang Juni 2022 veranlasste die Sprinkenhof GmbH dann überraschend einen Zaunbau, wohl mit dem Ziel jegliche Nutzung der Fläche zu unterbinden. Das Stadtviertel verliert dadurch einen der letzten Freiluft-Kulturorte.

Die Initiative KulturKanal fordert mit der Vorlage dieses Konzepts den Zaun umgehend wieder zu entfernen um die gewohnte Nutzung wieder möglich zu machen. Außerdem wird gefordert, einen Dialog zwischen Politik, Bezirk, Sprinkenhof und den Kulturaktivist:innen für eine temporäre bedarfsorientierte Entwicklung dieses Leerstands zu beginnen.

Soulbrache Winter 2022

2. SoulBrache

Bis Juni 2013 sorgte die Soulkitchenhalle am Veringkanal für ein unkommerzielles und vielfältiges Programm in Hamburg-Wilhelmsburg. Sie war für viele Wilhelmsburger Künstler:innen erster oder regelmäßiger Auftrittsort und wurde durch dutzende lokale Gruppen und Einzelpersonen bespielt. Die SoulBrache war mit ihren ca. 10.000 m² schon damals Freiraum für kreative Ideen und ein Ort an dem Menschen laut und aktiv sein konnten, direkt neben dem sich immer weiter verdichtenden Reiherstiegviertel. Nachdem die Stadt die Soulkitchenhalle 2013 dauerhaft und ersatzlos sperrte, blieb die Fläche neben der verschlossenen Halle ein beliebter Treffpunkt und Ort für kleinere Feiern, Ausstellungen oder Veranstaltungen.

Durch die Pandemie entstand 2020 ein vorher so nicht bekannter Bedarf an Platz und Flächen unter freiem Himmel. In Wilhelmsburg-West leben viele Menschen in Familien oder Wohngemeinschaften auf engem Raum. Um die Wohnhäuser herum gibt es lediglich einige kleinere Hinterhöfe oder Parkflächen. Diese sind wegen Lautstärkebelastung allerdings nur für bestimmte Formate als Treffpunkt oder Aufenthaltsort geeignet. Deshalb erlebte die Soulfläche in der Pandemie noch einmal einen ganz neuen Zulauf. Konnte die Initiative KulturKanal bis 2019 etwa 5-10 Kulturveranstaltungen pro Jahr und die unregelmäßige Nutzung durch Spaziergänger:innen und LKW-Fahrer:innen beobachten, waren ab 2020 jeden Tag Menschen auf der Fläche zu sehen und selbst im Winter zahlreiche Veranstaltungen oder Gruppentreffen im Freien.

Da ein verantwortungsbewusster Umgang mit der Pandemie bedeutet Innenräume zu meiden, entwickelte sich eine neue Draußenkultur in Wilhelmsburg. Die Initiative KulturKanal bot unabhängig von Wetter und Temperatur ein monatliches Format mit Feuertonne, warmen Getränken und künstlerischen Darbietungen, Kino oder Stockbrot an. Andere Gruppen veranstalteten Partys am Wochenende, wieder andere verlegten organisatorische Gruppentreffen auf die Fläche. Menschen nutzten die ersten Sonnenstunden zum Yoga machen, draußen lesen oder trafen sich mit einer Akkubox für kleine Geburtstagsfeiern. Trucker machten hier gemeinsam Essenspause, für Kinder wurde die Brache ein großer Spielplatz und Sport- oder Jonglagegruppen trainierten auf der Freifläche.

Der Initiative KulturKanal ist bekannt, dass der Boden der Fläche durch die industrielle Nutzung belastet ist und außerdem mindestens drei Fliegerbomben aus dem zweiten Weltkrieg unter der versiegelten Fläche liegen. Dies ist in Wilhelmsburg den meisten Nutzer:innen bekannt, wodurch ständig kommuniziert wurde, dass keine Befestigungen im Boden verankert werden dürfen und die Versiegelung nicht verletzt werden darf (mehr dazu siehe Punkt 6 / Sicherheit).

Die Fläche war zwar immer mehr oder weniger öffentlich zugänglich, trotzdem herrschte dauerhaft Unklarheit darüber in welchem Maße sie genutzt werden darf.

Einerseits fanden kontinuierlich selbstorganisierte Veranstaltungen und Zusammentreffen auf der Fläche statt, andererseits ließen mehrere Ereignisse darauf schließen, dass die Sprinkenhof GmbH eine Nutzung verhindern möchte. Während Beamte der Wasserschutzpolizei hin und wieder bei Veranstaltungen auftauchten und bestätigten, dass eine Nutzung im vorgefundenen Rahmen kein Problem sei, gab es auch einen Tag, an dem Beamte des Polizeikommissariats 44 von einem Nutzer der Fläche Daten aufnahmen, um ein Verfahren wegen Verdacht auf Hausfriedensbruch einzuleiten. Von Seiten der Sprinkenhof GmbH war zu beobachten, dass über Jahre hinweg die Fläche nie verschlossen oder beschildert wurde. Trotzdem wurde bei regelmäßigen Räumungsaktionen alles von der Brache entfernt, was Menschen für eine Nutzung errichteten. So wurden ohne Ankündigung etliche selbstgebaute Sitzgelegenheiten, ein Weidendom, ein Kindertrampolin, mehrere Tische, Tresen und Stühle und eine Kleinkunstbühne abgerissen und entfernt. Bei den Nutzer:innen der Fläche löst das bis heute Unverständnis aus, da es nie zu Konflikten mit Anwohnenden oder anliegenden Firmen kam, ebenso wenig zu Lautstärkeproblemen. 2021 wuchs somit der Frust über das Handeln von Sprinkenhof/Stadt. Der angebliche Hausfriedensbruch gegen eine Person wurde sogar zur Anzeige gebracht, woraufhin ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde. Dies stellte die Hamburger Staatanwaltschaft allerdings zügig ein. Anwälte bestätigten der Initiative KulturKanal 2022, dass aufgrund der öffentlichen Zugänglichkeit auf einer letztlich städtischen Brache, der Vorwurf eines Hausfriedensbruchs nicht zu begründen sei und zudem das Gewohnheitsrecht geprüft werden müsse.

Als dann im Juni 2022 eine Firma begann einen massiven Zaun um das Gelände zu ziehen, verbreitete sich diese Nachricht und die Wut darüber wie ein Lauffeuer im Stadtviertel. Ist doch gerade zu dieser Zeit, in der Pandemie und durch immer mehr Kulturveranstaltungen die Fläche zu einem essentiellen Kultur- und Begegnungsort geworden. Zur Überraschung der Initiative Kulturkanal äußerte sich die Sprinkenhof GmbH auf Nachfrage sehr positiv zu möglichen Vorschlägen für eine kulturelle Nutzung und bedauerte die Entwicklung zum Zaunbau. Verantwortlich für diesen Missstand sei die Stadt mit ihrer Nutzungspolitik.